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Predigten

 

Predigt Pfarrer i. R.  Anton Schönauer
am 15. Aug. 2017  Mariä Aufnahme in den Himmel 
in St. Ulrich, Unterschleißheim


Kennen Sie die Geschichte vom Brunnenfrosch und vom Seefrosch? Mit ihr möchte ich meine Gedanken zum heutigen Festtag beginnen.

Ein Brunnenfrosch erhielt Besuch von einem Seefrosch. Die beiden begannen sich zu unterhalten. Der Brunnenfrosch fragte, indem er ein Stück nach vorne hüpfte: „Ist dein See so groß?“ – Der Seefrosch antwortete: „Viel, viel größer!“ Da machte der Brunnenfrosch einen noch größeren Sprung und fragte: „Ist dein See so groß?“ Aber der Brunnenfrosch lachte nur und sagte: „Mein See ist riesengroß, viel, viel größer.“ Da sprang der Brunnenfrosch mit einem Riesensatz von einem Rand des Brunnens zum anderen und fragte: „Ist dein See so groß?“
Aber der Seefrosch lachte noch lauter und antwortete: „Du kleiner Brunnenfrosch kannst dir gar nicht vorstellen, wie groß mein See ist. Mein See ist unendlich groß. Das wird wohl nie in dein Hirn hineingehen.“
Da wurde der Brunnenfrosch wütend und schrie den Seefrosch an:
„Nun bin ich vom einen Rand des Brunnens zum anderen gehüpft. Nichts kann größer sein als mein Brunnen. Mach, dass du fortkommst, du Lügner. Ich will dich nicht mehr sehen.“                        (Quelle unbekannt)

Liebe Zuhörer, diese Geschichte ist mir eingefallen beim Nachdenken über das schöne Fest, das wir heute feiern. Es spricht zu uns von einer alles andere in den Schatten stellenden Zukunft, die Gott den Seinen bereitet hat, eine Zukunft, die freilich all unser Denken und Vorstellungsvermögen weit hinter sich lässt und die deshalb viele Menschen für eine blanke Illusion, einen Wunschtraum, eine schöne Seifenblase halten, und zwar eben nur deshalb, weil sie nicht in unser Hirn hineingeht. Viele Menschen halten diese Welt und dieses Leben für alles, was es gibt, obwohl sie im Grunde doch nur ein kleiner Brunnen, ein Teich ist, angesichts der unbegrenzten Möglichkeiten in Gottes Welt. Zwar sprechen wir in unserem Credo am Schluss diesen unendlichen Horizont unserer Hoffnung an, wenn wir sagen: Wir erwarten die Auferstehung der Toten und das Leben der kommenden Welt.  Aber ob dieser Glaube auch unser Leben und Denken und Hoffen erfüllt und prägt oder nur liturgische Sprache (Floskel) ist, ist eine andere Frage.
„Kein Auge hat es gesehen und kein Ohr hat es gehört, in keines Menschen Herz ist es jemals gedrungen, was Gott denen bereitet hat, die ihn lieben.“ (1 Kor 2,9)

Der heutige Festtag sagt uns:
In diese alle menschlichen Sinne und Erfahrungsmöglichkeiten übersteigende Wirklichkeit ist Maria, die Mutter Jesu, aufgenommen. Sie, die sich mit Leib und Seele und ihrem ganzen Leben Gott verschrieben und zur Verfügung gestellt hat, ist auch ganz von Gott angenommen und aufgenommen worden, mit Leib und Seele, wie wir sagen. Seine leibhaftige Liebe ist stärker als alles und  überwindet sogar den garstigen Graben des Todes.

Im Grunde kann der heutige Festtag nur in ganz engem Zusammenhang mit Ostern verstanden werden. An Ostern – so bekennen und glauben wir Christen – hat sich in der Welt etwas Grundlegendes geändert. Mit der Auferweckung Jesu von den Toten hat – auch wenn das unseren sterblichen Augen verborgen ist – die endgültige Entmachtung des Todes begonnen. Gottes Liebe zum gekreuzigten und gestorbenen Jesus von Nazaret hat sich als unüberwindlich gezeigt und den Tod zwar nicht abgeschafft, aber in seine Schranken gewiesen. Der Tod ist nicht die Mauer, an der das Leben zerbricht, sondern die letzte Verwandlung nach all den vielen Verwandlungen, die ein Mensch im Laufe seines Lebens mitmacht. Paulus nennt Jesus den Ersten der Entschlafenen. Er ist aber nur der Anfang. Denn dann folgt der grandiose Hoffnung schenkende Satz: „Ihm werden alle folgen, die zu ihm gehören.“ (1 Kor 15,20.23)

Schauen Sie: in diesem Satz liegt eigentlich der ganze Grund für unser heutiges Fest:
Ihm folgen alle, die zu ihm gehören. Maria gehörte wie kein anderer Mensch zu Christus. Nicht nur wegen ihrer naturhaften Verbundenheit als Mutter. Ihre besondere Nähe zu Christus ist nicht in erster Linie eine Sache des Blutes, der Bluts-verwandtschaft, sondern Maria gehörte als erste zu jener neuen Verwandtschaft Jesu, die nicht auf Fleisch und Blut basiert, sondern aus dem Hören und Offensein für das Wort Gottes kommt. Ihr Sohn wird einem im Leben das wichtige Wort sagen: „Meine Mutter und meine Brüder sind die, die das Wort Gottes hören und befolgen.“(Lk 8,21) – Noch bevor Jesus dieses Wort sagte, war Maria eine von diesen Menschen, offen und bereit für Gottes Wort und Handeln. Sie hat sich davon bestimmen, prägen, formen und führen lassen, sie hat Gott nichts vorenthalten von ihrem Leben und auch unter dem Kreuz ihr Ja nicht zurückgenommen. So ist sie Jüngerin Jesu geworden, noch bevor er selbst daranging, sich Jünger zu sammeln.
Sie hat – wie Augustinus sagt – Christus nicht nur im Fleisch empfangen, sondern vor allem im Glauben. Sie hat sein Schicksal geteilt und auf sich genommen durch alle Stationen von Leid und Angst und Dunkelheit. Und so blieb auch ihr Leben und Lieben nicht ohne Antwort von Gott her. Sie ist die erste von allen Erlösten, denn Jesu Solidarität mit denen, die ihm nachfolgen im Glauben und in der Liebe, hört mit dem Tod nicht auf, sondern überwindet den Tod.

So wird uns heute in Maria, aufgenommen in den Himmel, unsere ureigene Zukunft vor Augen gestellt. Mariä Aufnahme in den Himmel ist kein  Sondergag, keine Extraveranstaltung Gottes für sie allein, sondern in ihrem Heimgang in die Herrlichkeit Gottes ist auch für uns die Linie des Lebens bis ins Ziel ausgezogen.
Und das Ziel ist Gott selber. Gott liebt uns, und wen Gott liebt, den lässt er nicht vergehen, der braucht nicht zu verschwinden, der wird nicht abserviert. Gott will uns ganz und gar, mit Leib und Seele, mit unserem ganzen Leben. Nicht irgendein Rest von uns wird übrigbleiben und gerettet, nicht ein blasser Dunst, ein Schatten, irgendein amputiertes Seelchen oder sonst etwas, sondern unser ganzer Mensch mit allen Erfolgen und Misserfolgen, mit Tränen und Lachen, mit Leid und Freude, mit Gegenwart und Vergangenheit, mit allem, was wir sind und was wir waren, wir haben Heimat und Zukunft in Gott und seiner Herrlichkeit.
Ich weiß. für manchen schaut das aus wie eine riesige Utopie, ein selbstgestrickter Traum, eine grandiose Einbildung. „So groß kann Gott doch gar nicht sein, dass er für uns alle Platz hat!“ höre ich immer wieder. Dann möchte ich fragen:
„Wie groß darf dann Gott, bitteschön, sein?“ Wie viel gestehen wir ihm zu.
Ich darf verweisen auf die Geschichte vom Brunnenfrosch und vom Seefrosch.

Wir werden Gott nur gerecht, wenn wir ihm alles zutrauen. Maria hat Gott in ihrem Leben getraut, vertraut, auch alles zugetraut: „Selig bist du, weil du geglaubt hast!“ (Lk 1,45)  Selig sind auch wir, wenn wir glauben wie sie, auch wenn unser Glaube immer nur Bruchstück sein wird. Gott steht auch zu unseren Bruchstücken. Der auferstandene Christus haftet und bürgt für uns. Deshalb sind wir in der Kirche nicht Gesellschaft mit beschränkter Haftung, sondern mit unbegrenzter Hoffnung.

Diese unbegrenzte Hoffnung feiern wir heute mit Maria und mit allen, an denen Gott groß gehandelt hat.

                                                                                                             

 

Predigt Pfarrer i.R. Hans Krämmer

am 10. Juli 2016 in Unterschleißheim

(bei der Messfeier zu seinem goldenem Priesterjubiläum; hier Bilder)

 

Die Frage wird mir oft gestellt: Wie hat es eigentlich mit der Pfarrei St. Ulrich angefangen?

 

Im März 1972 wird vom Ordinariat ein Pfarrer gesucht, der ein Kirchen- und Sozialzentrum aufbaut, sowie mit einer neuen Kirchengemeinde beginnt. Ich interessiere mich für diese Aufgaben. Geplant war, dass hier in Unterschleißheim für ca. 20.000 Menschen Wohnungen gebaut werden sollen. Drei Kollegen lehnen die Übernahme ab; ich sage mir „Du redest immer vom Gottvertrauen; hab dieses Vertrauen und steig ein!"

 

Am 3. Oktober 1972 fing ich an: Zuerst Wohnungssuche; fündig werde ich in der Ringhofferstr. 56 – die Hecks kennen das Haus gut. Als erste Aktion wird der Keller als Jugendraum ausgebaut. Dann gibt es Gespräche im Ordinariat! Meine Bitte war, wir brauchen einen größeren Raum für die Gottesdienste als die Alte Kirche und dazu Gemeinderäume. Von Weihbischof Tewes wird eine Holzkirche genehmigt, die auf dem Grundstück gebaut wird, das gekauft wurde. Das Grundstück erfüllte zwar zunächst nicht die städteplanerischen Vorstellungen der politischen Gemeinde, erweist sich aber in der Folge als geglückter, ergänzender Schwerpunkt zum neuen Ortszentrum.

 

Im Sommer 1973 wird mit dem Aufstellen begonnen. Es ist Platz für 300 Leute, es gibt eine Kirche und zwei Gruppenräume. Der erste Gottesdienst ist an Weihnachten geplant. (Saukalt war es - ein Bauofen gab Wärme, spuckte aber auch Ruß aus – alle neuen Stühle sind verschmutzt - meine Mutter und ich waren bis 21:30 Uhr mit dem Saubermachen beschäftigt.)

 

Von Anfang an wird die sogenannte Holzkirche gut angenommen; sie war multifunktional, d.h. auch für profane Veranstaltungen geeignet. Das brachte mir auch eine Anzeige beim Bischof ein, die aber im Sande verlief. Der Gottesdienst-Raum schenkte Dichte und Konzentration auf den Gottesdienst - aber es konnte auch gelacht werden. So gratulierte mir am Himmelfahrtstag ein kleiner Bub mit einem schnell gepflückten Blumensträußchen im Gottesdienst zum Vatertag - schallendes Gelächter. Oder bei der Frage eines Kindes in der Osternacht nach der Speisenweihe „kann man denn die Eier jetzt noch essen?" Mein Anliegen war es, kirchliche Räume auch als Begegnungsmöglichkeiten für die neu Zugezogenen anzubieten; dadurch konnten auch gute Kontakte zu den Einheimischen geknüpft werden. Das Raumangebot wurde noch durch eine zweite Baracke erweitert, für die Jugendarbeit und die Seniorentreffs. Andere hatten Barock, wir hatten Barack!

 

Schon bald zeigte sich eine große Bereitschaft von Frauen und Männern mitzuarbeiten. In der Bauphase, nachdem die Baracken abgerissen waren, wurden uns im damaligen Sehbehindertenzentrum schöne Räume für Gottesdienste und Grup-pentreffen angeboten. Nun gab es viele Gespräche mit unterschiedlichen Meinungen im Baureferat der Diözese. Gott sei Dank war ich nicht allein, sondern der Bauausschuss unter der Leitung von Heinz Marquardt mit Helmut Schick unterstützte mich kräftig. Zu jeder Besprechung im Ordinariat erschien ich nicht allein, sondern mit dem kompletten Bauausschuss - das machte Eindruck und hat uns sehr geholfen.

 

Am 13. Juli 1986 wurde das neue Kirchenzentrum von Kardinal Wetter geweiht. Es erinnert: „Gott ist mitten unter uns". Das Kunstwerk vorne im Altarraum, das Josef Hamberger schuf, stellt ein Bild der Gemeinde dar; so sind die kleinen Kreuze Zeichen für die Glieder der Gemeinde, hingerichtet auf Jesus, das Lamm Gottes. Dieses Angebot, dass Gott zu seinem Namen steht, immer wieder neu zu buchstabieren, das sah und sehe ich als meine Aufgabe.

 

Es ist eine Aufgabe, die manchmal schwer fällt, vor allem dann, wenn die Frage auftaucht: Schaffe ich das? Bei allem Zweifel hat mir ein Satz des 2. Korintherbriefs des Hl. Paulus weitergeholfen, er steht auch auf meinem Primiz-Bild: „In Gottes Kraft, kommt unsere Schwachheit zur Vollendung". Auch führt mich das heutige Evangelium zurück an die Wurzeln meines Dienstes. Wenn hier die Rede ist von „Menschen fischen", dann geht es nicht um Behinderung durch das Fangnetz, Einschränkungen und Unfreiheit. Ein Pater übersetzte diesen Ausdruck „Menschen fischen" so: „Menschen lebendig fangen für Gott!“ Gemeint ist damit: Menschen von Gott begeistern und ihnen zeigen, dass die Beziehung zu Jesus das Leben bereichert. Auf einer der Glückwunschkarten zu meinem Priesterjubiläum stand:

„Man muss sein Herz an die Angel hängen,

wenn man Menschen fischen will."

 

Das kann einer allein nicht schaffen. Auch der Petrus hat das gemerkt und hat seine Freunde dazu geholt. So ist die Teamarbeit in der heutigen Seelsorge sehr wichtig. Das habe ich in Unterschleißheim immer wieder erfahren dürfen. Ich denke an die beiden engagierten Gemeindeassistentinnen Hilde Temme und Brigitta Hübl sowie an die Berufspraktikanten, die mich berieten und viele Aufgabe übernahmen. Auch die Ökumene und der Kontakt zu St. Korbinian in Lohhof spielten eine wichtige Rolle. Ich freue mich, dass mein damaliger Partner, Pfarrer Toni Schönauer, heute mit mir die Messe feiert.

 

Viele Gruppen engagierten sich in der kirchlichen Gemeindearbeit: die Helferinnen der Senioren, der Geburtstagskreis, der Besucherkreis, die Gruppe für Öffentlichkeitsarbeit und die vier Familienkreise. Es gab Verantwortliche in der Jugendarbeit und in der Liturgie. Ein kompetenter Berater bei den finanziellen Angelegenheiten war für uns Wolfgang Christoph. Ingeborg Schick gestaltete anfangs musikalisch die Gottesdienste mit, auch ein Singkreis wurde gegründet. PGR und Kirchenverwaltungen haben mich in den 16 Jahren meiner Tätigkeit großartig unterstützt. Asyl gewährte uns während der Bauphase sehr großzügig Pater Fritz Setzer. Allen Vergelt‘s Gott fürs Mithelfen!

 

Es gab stürmische Zeiten, in denen wir oft nicht wussten, wie es weitergehen soll; aber auch da nahmen wir den Auftrag Jesu ernst: „Fahrt noch einmal hinaus auf den See!" Und Petrus willigte ein und sagt: „Auf dein Wort hin". Was ist der Grund? Petrus vertraut Jesus. Dieses Vertrauen hilft, nicht gleich aufzugeben. In einem modernen Kirchenlied stehen ein paar Sätze, mit denen ich schließen möchte: „Auf dein Wort hin, Herr, will ich es wagen, gegen Widerstände, Angst, offene Fragen; denn dein Wort gibt mir Ziel und Sinn und ich spüre, dass ich von dir gehalten bin."

 

So wünsche ich Ihnen und mir, dass uns der Blick in die Vergangenheit Hoffnung und Mut für die Zukunft gibt. Amen

 

Predigt von Annette Pavkovic,
Lehrerin am SBZ, am So. 28.Juni 15

(bei der Messfeier für Behinderte u. Nichtbehinderte)

 

Zwei wunderbare Ereignisse in so kurzer Zeit. Da könnte einem als Zuhörer schier schwindlig werden, wie viel mehr erst den damaligen Augenzeugen.

 

Zwei Menschen setzen ihre Hoffnung auf Jesus: Die Frau, die zwölf Jahre an unstillbaren Blutungen leidet und die ihr ganzes Vermögen für Ärzte und Wunderheiler ausgegeben hat. Sie hofft wider alle Hoffnung, wagt aber nicht, offen zu Jesus zu gehen. Sie versteckt ihr Leid so weit es geht vor den Menschen. Sie war wohl einst angesehen, jetzt fühlt sie sich ausgestoßen und verachtet, bis Jesus den körperlichen Makel und zugleich den Schmerz von der Seele und aus ihrem Herzen nimmt.

 

Anders liegt die Sache bei Jairus, dem Synagogenvorsteher, ein Mann der Gesellschaft, in der Gemeinde hoch geachtet. Seine Tochter liegt im Sterben. Er will sofort Abhilfe schaffen, sich mit dem Verlust des geliebten Menschen nicht abfinden. „Der Herr hat's gegeben; der Herr hat's genommen; der Name des Herrn sei gepriesen." Dieses Vertrauen, diese Zuversicht fehlt dem Vater. Ich sage Zuversicht, nicht stoische Gelassenheit oder gar Fatalismus! Gott gibt uns nicht mehr als wir er-tragen können. Ein bekanntes Gedicht, das einem in Stalingrad gefallenen Soldaten zugeschrieben wird und in vielen Gebetssammlungen steht, bringt das zum Ausdruck.

 

Erscheinen meines Gottes Wege
Mir seltsam, rätselhaft und schwer,
Und gehn die Wünsche, die ich hege,
Still unter in der Sorge Meer,
Will trüb und schwer der Tag verrinnen,
Der mir nur Schmerz und Qual gebracht,
Dann will ich mich auf Eins besinnen,
Dass Gott NIE einen Fehler macht.
 
Wenn über ungelösten Fragen
Mein Herz verzweiflungsvoll erbebt,
An Gottes Liebe will verzagen,
Weil sich der Unverstand erhebt,
Dann will ich all mein wildes Sehnen
In Gottes Rechte legen sacht
Und dieses sprechen unter Tränen,
Dass Gott NIE einen Fehler macht.
 
Drum still, mein Herz, und lass vergehen,
Was irdisch und vergänglich heißt,
Im Lichte droben will ich sehen,
Dass gut die Wege, die er weist.
Und müsstest Du Dein Liebstes missen
Und gingst durch kalte, finstre Nacht,
Halt fest an diesem sel'gen Wissen,
Dass Gott NIE einen Fehler macht.

 

 

Vielleicht wendet sich Jairus also in der Hoffnung an Jesus, der möge Gottes Ratschluss korrigieren. Er erhört den verzweifelten Wunsch des Vaters, will aber jedes Aufsehen vermeiden. Er tut Unerhörtes so diskret wie möglich.

Bei uns ist das häufig anders. Heißt es nicht: Tue Gutes und rede darüber; Klappern gehört zum Handwerk." Wie geht das zusammen? Auch Jesus tat andere Wunder durchaus öffentlich, das Publikum war ihm meist sogar erwünscht; die Menschen sollten sehen, was Gottes große Güte vermag.

 

Dieses Wunder hat sich den Augenzeugen sicherlich tief und unauslöschlich eingeprägt. Bilder sind zu allen Zeiten für die meisten Menschen viel eindrücklicher als Worte, Klänge, Geschmack oder Gerüche. Ein Bild brennt sich in die Netzhaut, ins Gehirn, in die Seele ein.

Fehlt mir jetzt was? Habe ich wieder mal was verpasst? Objektiv: ja! Da kann die tollste Bildbeschreibung auch nicht immer helfen, sie ergänzt aber, wie bei den in vielen Fernsehprogrammzeitschriften mit einem durchgestrichenen Auge gekennzeichneten Filmen auf dem 2. Tonkanal die Tonspur des Films und vermittelt so wichtige Informationen. Das klappt meist ziemlich gut, bisweilen bin ich damit den Nachbarn im Kino auch ein oder zwei Sekunden voraus, da die Bildbeschreibung ja nicht unter den Filmdialog gelegt werden kann. Ich darf also nicht zu früh lachen. Trotzdem fehlt das Unmittelbare Sehen. Jenen die, wie einige unserer Schüler auch, den Prozess des sich verringernden Sehvermögens und damit stärker werdende Einschränkungen erleben, ist das bisweilen sehr schmerzlich bewusst. Da ist nichts mit gelassenem Annehmen! Wieso Kennzeichnung im Straßenverkehr! Weißer Stock, wozu das denn? Ich bin doch nicht blind! Das Annehmen der Situation, das Einschätzen der Risiken und der verantwortungsvolle Umgang mit den Augen (die Nase ist ein ungeeigneter Abstandshalter zu Computerbildschirm, Buch oder Teller), das braucht Zeit, Geduld und Einfühlungsvermögen der Mitmenschen und oft genug auch einige blaue Flecken beim Betroffenen. Die anderen Sinne müssen trainiert und geschärft werden.

Hören ist der Sinn fürs Weite, der Schall trägt weit. „Mittelstreckenriecher" haben die Chance, auf ihren Wegen jede Bäckerei oder Parfümerie zu finden; auch dies sichert das Überleben. Tasten/Fühlen braucht Nähe, Offenheit, Gefühl. Um die Hände auszustrecken, die Umgebung so unmittelbar zu erkunden, Menschen und Dinge an sich heran zu lassen, braucht es Vertrauen und Neugier auf die Welt. Brailleschrift und das Lorm-Alphabet für Taubblinde sind "zärtliche" Schriftsysteme, die Fingerspitzengefühl verlangen.

 

Seh- und Hörbehinderte Menschen wissen, wie schwierig der Alltag oft nicht zuletzt deswegen ist, weil die Einschränkung sich je nach Tagesform unterschiedlich auswirkt. "Sehen verstehen" heißt eins der Projekte in unserer Mittelstufe, da lernen die Schüler ihre Sehbehinderung einzuschätzen und Laien die Schwierigkeiten in der Praxis möglichst anschaulich zu erklären. Das setzt eine große seelische Reife und die Akzeptanz der Behinderung und, soweit möglich, die Suche nach Ausgleichsmöglichkeiten, voraus. Man muss dieselben Fragen geduldig immer wieder und wieder beantworten.

Wichtig ist hier: Immer wieder von vorn anfangen, nicht aufgeben, neue Strategien suchen. Tricks für den Alltag mit dem Handicap und freundliche Antworten für die Fragen der Umwelt.

Da hilft political correctness gar nicht weiter „visually chalenged"; herausgefordert fühle ich mich zwar manchmal durchaus, visuell aber garantiert nicht! Manchmal drehe ich den Spieß um und sage zur sehenden Kollegin, die ich durch den Hauptbahnhof zur U-Bahn lotsen muss, weil ihr gewohnter Weg durch eine Baustelle versperrt ist und die verzweifelt nach einem U-Bahnschild sucht: „Bleib cool, Sehen behindert! Du hast ja auch fünf Sinne zu koordinieren! Das kann schon mal überfordern."

So überheblich ist's nicht gemeint, eine gute räumliche Orientierung ist für 4- oder 4,5-sinnige Menschen schlicht lebensnotwendig. Und trotzdem freue ich mich, wenn mir jemand sein Auge/seine Hilfe anbietet. Sie kriegen das Auge auch garantiert unversehrt wieder, ich bin nicht ansteckend.

Wer sein Augenlicht allmählich verliert, kann diese Gelassenheit natürlich oft nicht aufbringen; viele hadern mit Gott und den Menschen, manche verkriechen sich im Schneckenhaus. Sie da wieder raus zu holen, ist häufig auch meine Aufgabe als Lehrerin. Da ich ein recht impulsiver Mensch bin, muss ich bisweilen aufpassen, nicht mit der Brechstange sondern behutsam und geduldig genug vorzugehen und warten zu können, dass sich der Panzer langsam öffnet.

Wir arbeiten daran im SBZ mit den uns anvertrauten Kindern und Jugendlichen.

Daran, sich nicht unterkriegen zu lassen arbeitet in seinem Leben jeder für sich, manchmal arbeitet man sich auch eher ab, ein Teil des Ganzen zu sein, der, nur wenn er sich annehmen und mögen kann, auch von den anderen angenommen und gemocht werden kann.

Sich annehmen hat nichts mit Lethargie zu tun: Passt schon! Nicht umsonst fassen viele Menschen gute Neujahrsvorsätze, die Dreikönig meist nicht überleben. Ein ganzes Jahr ist ja auch furchtbar lang! Also nehmen wir's uns nur für einen konkreten Tag, für das hier und jetzt vor: Immer wieder aufstehen, nicht liegen bleiben und passiv abwarten, was passiert, behutsam Schritt vor Schritt setzen und nach gangbaren Wegen suchen.

Gott will unser Ja zu ihm und damit die Liebe zu unserem Nächsten wie auch zu uns selbst hier und jetzt. Er braucht unsere Hände, Augen, Ohren, Nasen, Münder und Herzen hier und heute.

„Talita kum"! Mädchen, steh auf! In wie vielen Tonlagen lässt sich dieser Satz sagen: Es kann ein bloßer Imperativ sein, voller Ungeduld, ein harscher Befehl, dem sofort nachzukommen ist. Es kann ein großes Fragezeichen darin liegen, „warum liegst Du noch?" „Du wirst erwartet!" Es kann eine Aufforderung voll Zutrauen sein: „Steh auf, mach weiter, Du kannst das, geh Deinen Weg. Gib Dich und andere nicht auf.

Hören auch wir Jesu Ruf: Aufstehen, Gottes Weg, den er für uns vorgezeichnet hat, gehen und seinen Spuren folgen, um seine Liebe in der Welt erfahrbar zu machen. Lassen wir uns von ihm anrühren! Ich wünsche jedem von uns ein hörendes Herz!

Amen.

 

 

Ansprache von Ursula Binsack zur Woche für das Leben 2015


Thema: Sterben in Würde

1 Joh 3,1-2  Wir alle sind Gottes geliebte Kinder
Joh 10-18  Der gute Hirte schenkt Sicherheit durch Treue, Zuwendung, Anrufung
Ps 23 


„Sie werden meine Stimme hören“, so sagte Jesus von sich, dem guten Hirten.

„Maria!“, das war diese Stimme Jesu, des Auferstandenen.
Maria, die aus Magdala, hat Seine Stimme gehört. Mitten in ihrer ohnmächtigen Trauer und Verzweiflung tönte diese geliebte Stimme durch: Und sie erkennt als Erste: Jesus lebt! Auferstehung, Ostern!

So manche kleine Auferstehung darf auch ich erleben in meinem beruflichen Alltag:
Seit fast 14 Jahren arbeite ich als Seelsorgerin im Pflegeheim Haus am Valentinspark, früher Haus am Lohwald, hier in Unterschleißheim. Ich möchte Ihnen ein wenig von meinen Erfahrungen berichten.
Schauen Sie auch gerne selbst einmal bei uns vorbei. Seien Sie herzlich     eingeladen in unser Café: Es ist täglich geöffnet von 14.00 bis 17.00 Uhr; bei schönem Wetter kann man auch draußen auf der Terrasse sitzen und sich einfach mal umschauen. Oder kommen Sie zu den Gottesdiensten, die wir jeden Mittwoch um 16.00 Uhr in unserer schönen Kapelle feiern.

Eine freundliche Stimme, der vertraute Name und ein gutes Wort: das kann in einem altersmüden, trostlosen und womöglich verwirrten Menschen neue Lebensgeister wecken.
Manchmal, wenn unsere Ehrenamtliche, Frau Stoiber, mit ihrer Harfe alte Volkslieder spielt und mit unseren Bewohnern singt, setze ich mich neben eine der ganz still in sich versunkenen Personen. Ich rücke ganz eng heran, auf Tuchfühlung, und singe nah an ihrem Ohr, drücke ihre Hand im Takt, den Rhythmus ein wenig schunkelnd …
Da geschieht oft ein kleines Wunder:
Vorsichtig öffnen sich die Augen, ein Lächeln huscht über das Gesicht, und manchmal brummelt die eingerostete Stimme das altbekannte Lied mit:
So geschieht bei uns immer wieder Ostern, Auferstehung mitten im Alltag.

Ich möchte Ihnen nicht nur von meinen Erfahrungen berichten mit den pflegebedürftigen Menschen in unserem Haus, sondern auch, soweit ich das kann, von den Erfahrungen der Leute, die Sterbende und deren Angehörige begleiten dort, wo diese wohnen, in ihrer eigenen Wohnung, ihrem Haus oder eben auch im Pflegeheim.


„Sterben in Würde“, so heißt das Motto der diesjährigen Woche für das Leben.
Sterben, kann das überhaupt ein Thema für einen festlichen Sonntags-gottesdienst sein? Was bedeutet uns Sterben?

Wer in ein Pflegeheim wie das Haus am Valentinspark einzieht, weiß genau, dass das in der Regel der letzte Umzug in dieser Welt ist. Da machen sich unsere Bewohner und Bewohnerinnen nichts vor.
Das haben sie vielen von uns hier voraus. Wir leben ja oft so, als hätten wir das ewige Leben auf dieser Welt gepachtet.

Aber auch wir kennen alle die Worte aus der Heiligen Schrift:
„Alles hat seine Stunde. Für jedes Geschehen unter dem Himmel gibt es eine bestimmte Zeit: Eine Zeit zum Gebären und eine Zeit zum Sterben, eine Zeit zum Pflanzen und eine Zeit zum Abernten der Pflanzen.“
(Kohelet/Prediger 3,1-2)

Wäre es nicht gut, unser aller Sterben als Lebensernte zu verstehen?
Was können wir tun, um dieser Ernte mit Zuversicht, ja vielleicht sogar Freude entgegen zu gehen, so wie die Bauern ihre Ernte mit Freude einfahren und schließlich feiern?

Sterben ist keine Krankheit. Natürlich haben Sterbende oft verschiedenste Krankheiten, manchmal auch Schmerzen und Beschwerden. Aber das Sterben selbst gehört zum Leben wie die Geburt. Und auch die Geburt macht Beschwerden und Schmerzen; aber vor allem Freude.
Jesus, der qualvoll sterben musste, sagte zuletzt: „Es ist vollbracht“, oder anders übersetzt: „Es ist vollendet.“
Das eigene Leben zu meistern, ist eine große Aufgabe. Und diese Aufgabe gilt es schließlich auch zu einem guten Abschluss zu bringen, zu einem würdigen Ende.

Dabei kann der Sterbende noch einmal den Hinterbliebenen, seinen Lieben und dieser Welt Segen schenken. Vom Segen des Sterbenden berichten nicht nur so manche Romane und die Erzählungen der Bibel. Sagen wir nicht auch vom Verstorbenen: „Er oder Sie hat das Zeitliche gesegnet.“ Es geht von den Alten, Kranken und Sterbenden ein Segen aus.

Davon können vor allem die Ehrenamtlichen in der Hospizbewegung erzählen:
Mitte der 80er Jahre wurde in München der erste Hospizverein Deutschlands, der Christophorus-Hospizverein gegründet. Ehrenamtliche Hospizbegleiter bieten Sterbenden und ihren Angehörigen mitmenschliche Zuwendung und Begleitung auf professionellem Niveau. Zugleich heben sie das Thema „Sterben“ in unserer Gesellschaft wieder ins allgemeine Bewusstsein.
Seither haben sich nach und nach in allen Städten und Landkreisen Hospizvereine und - Gruppen etabliert. Eine erstaunliche Bürgerbewegung, die es sich zur Aufgabe gemacht hat, Menschen in einer Lebensphase zu begleiten, die oft schwer und für alle Beteiligten sehr herausfordernd ist. Eine Lebenszeit, die aber die Chance in sich birgt, das Leben mit vereinten Kräften in Würde zu seinem guten Ende zu bringen.
Hierbei unterstützen zu dürfen motiviert viele Menschen heute, sich in diesen Dienst zu stellen. In Gesprächen mit solchen Hospizbegleitern spüre ich oft ein großes Interesse an Themen und Aufgaben, die ureigene christliche Themen und Aufgaben sind. Nicht wenige dieser Ehrenamtlichen in den Hospizgruppen haben sich von ihren Kirchen längst entfremdet. Jetzt tun sie einfach, was christliche Kernthemen und - Aufgaben sind.


Stefan Hippler, der sich als Pfarrer in Südafrika um Aidskranke und Sterbende kümmert, nennt das schlicht „Beten mit Händen“. Und auch er sagt über seine Erfahrungen mit Schwerstkranken und Sterbenden: „Durch meine Tätigkeit bekomme ich sehr vieles geschenkt, zum Beispiel viel Segen. Viele Begegnungen sind ein Segen für mich... Meine Arbeit lehrt mich Demut, ich erkenne, dass wir im Leben geführt werden und wir bereit sein sollten, Dinge anzunehmen.“

Hilde Domin, die große Dichterin, nannte dies „Unterricht an den Sterbebetten“:

Sie schrieb in einem ihrer Gedichte:

„Jeder, der geht,
belehrt uns ein wenig
über uns selbst.
Kostbarster Unterricht
an den Sterbebetten.“ 



Was also können wir lernen von den alten Menschen in unserer Gesellschaft?


Wir sind durch sie noch einmal ernsthaft mit der Frage konfrontiert, was denn wirklich der Sinn unseres Lebens ist. Ist es Leistung, Tempo, nichts auslassen, überall dabei sein, ewige Jugend, materieller Reichtum?

Ich möchte gerne lernen, im ganz Kleinen das ganz Große zu entdecken.
Ich möchte gerne lernen, in die Stille hinein zu horchen, darin das Rauschen des Lebens und den Lebensspender, Gott, zu erfahren. 
Ich möchte gerne lernen, dass Gute Dinge Weile brauchen.
Ich möchte gerne lernen, dass das größte Geschenk die Begegnung von Mensch zu Mensch ist; bes. die Begegnung von Jung und Alt, von Tatkräftig und Hilfsbedürftig. Vergessen wir nie, dass wir immer aufeinander angewiesen sind, sei es als Neugeborenes, sei es als Sterbender. Dieses Aufeinander-angewiesen-Sein gehört zum Wesen des Menschen. Christlich gesprochen: „Einer trage des anderen Last!“

All das kann man lernen in der Begegnung mit hilfs- und pflegebedürftigen Menschen.
All das lernen Menschen, die Pflegebedürftige besuchen, mit ihnen spazieren gehen, singen, beten, Kaffee trinken …
All das erfahren im Besonderen die Hospizbegleiter als reichen Segen in ihrem Dienst. Darum stellen sie sich immer wieder neu dieser Aufgabe.
Seit 14 Jahren gibt es auch in Unterschleißheim die Hospizgruppe Wegwarte. Sechzehn ehrenamtliche Hospizbegleiter, die eine intensive Ausbildung für diesen Dienst durchlaufen haben, unterstützen derzeit hier in Unterschleißheim Sterbende und ihre Angehörigen.
Am Ende dieses Gottesdienstes stehen Mitglieder der Hospizgruppe Wegwarte für Sie bereit zu Ihrer Information und zu Gespräch und Erfahrungsaustausch.

Sterben in Würde, so unser Motto heute.


Sterben in Würde, das könnte bedeuten:
Die letzte Lebenszeit erleben im sicheren Vertrauen darauf, dass im Bedarfsfall Fachleute helfen, die in palliativer Pflege und Medizin ausgebildet sind. Die also gelernt haben, wie man Beschwerden und Nöte am Lebensende medizinisch, pflegerisch und spirituell mildern kann. 

Sterben in Würde, das könnte bedeuten:
Eingebunden sein in eine Nachbarschaft, die den Pflegebedürftigen nicht vergisst sondern treu besucht. Darunter auch, aber nicht zuerst solche, die durch eine Ausbildung in Sterbebegleitung auf die besonderen Situationen dieses Lebensabschnittes vorbereitet sind, ehrenamtliche Hospizbegleiter.

Sterben in Würde, das könnte bedeuten:
So professionell eingebettet schließlich im Kreis der Angehörigen diese Zeit noch als gemeinsame Zeit des Abschieds miteinander erleben zu können.
„Leben bis zuletzt“, so lautet das Motto der Hospizbewegung.

So können die Sterbenden hoffnungsvoll auf das zugehen, was uns in der Lesung aus dem Johannesbrief vorhin verkündet wurde:


„Meine Lieben!
Jetzt sind wir Kinder Gottes.
Was werden wir erst sein, wenn Christus in Seiner großen Herrlichkeit kommt!
Dann werden wir sein wie Er
und wir werden Ihn sehen,
wie Er wirklich ist, in Seiner ganzen Herrlichkeit!“
(in der Übersetzung von Albert Kammermayer:
Das Neuen Testament: Eine Übersetzung, die unsere Sprache spricht)


Ergänzung zum Gottesdienst um 10.00 Uhr mit Taufe:
Das sichtbare Zeichen für die Annahme als Kind Gottes, für die Annahme zum ewigen Leben in der göttlichen Familie ist die Taufe.
Gleich dürfen wir alle eine solche Taufe miterleben und mit feiern. Denn die kleine Emma wird jetzt durch die Taufe aufgenommen in die Gemeinschaft mit dem dreifaltigen Gott und in die Gemeinschaft der Kirche hier in der Gemeinde Sankt Ulrich



Bitten eines Sterbenden an seinen Begleiter


Lass mich in den letzten Stunden meines Lebens nicht allein.

Bleibe bei mir, wenn mich Zorn, Angst, Traurigkeit und Verzweiflung heimsuchen und hilf mir, zum Frieden hindurch zu gelangen.

Denk nicht, wenn du ratlos an meinem Bett sitzt, dass ich tot sei.

Ich höre alles, was du sagst. Auch wenn meine Augen gebrochen scheinen.

Darum sage jetzt nicht irgend etwas, sondern das Richtige.

Das Richtige wäre, mir etwas zu sagen, was es mir nicht schwerer, sondern leichter macht, mich zu trennen. So vieles, fast alles, ist jetzt nicht mehr wichtig.

Ich höre, obwohl ich schweigen muss und jetzt auch schweigen will.

Halte meine Hand. Ich will es mit der Hand sagen: wische mir den Schweiß von der Stirn, streiche mir die Decke glatt. Wenn nur noch Zeichen sprechen können - so lass sie sprechen. Dann wird auch das Wort zum Zeichen.

Und ich wünsche mir, dass du beten kannst. Klage nicht an, es gibt keinen Grund. Sage Dank.

Du sollst von mir wissen, dass ich der Auferstehung näher bin als du selbst.

Lass mein Sterben dein Gewinn sein. Lebe dein Leben fortan etwas bewusster. Es wird schöner, reifer, tiefer, inniger und freudiger sein, als es zuvor war – vor meiner letzten Stunde, die meine erste ist.

Johann Christoph Hampe



Predigt zum Fest Bekehrung Pauli

(25. Jan. 2015: Diakon Christian Karmann)


Saulus, ein für die Anhänger des neuen Glaubens an Jesus Christus  gefährlicher Mann, ein gebildeter  Fundamentalist, der die Christen aus tiefster Überzeugung verfolgte, der den Tod dieser Andersgläubigen in Kauf nahm. Zumindest passiv war er an der Ermordung des Stephanus mit beteiligt. Soviel wissen wir jedenfalls.

Saulus, ein ausgebildeter jüdischer Theologe, der zutiefst mit den Glaubenssätzen seiner Religion verbunden und identifiziert war und deshalb die verfolgen musste, die diese Glaubenssätze verraten haben. Wie kann man schließlich daran glauben, dass ein Mensch der Sohn Gottes sei und wie könnte man dann als Auftrag Gottes in dessen Vollmacht handeln: pure Gotteslästerung. Saulus hat es als Gottesdienst, als Dienst an dem einen Gott aufgefasst, das auszumerzen, diesen Fehlgriff religiöser Entwicklung auszumerzen, um den wahren Glauben zu verteidigen.


Wenn man das so hört, kommt einem das vertraut vor: fundamentalistische christliche Evangelikale besonders in den USA, fundamentalistische, gewalttätige Moslems, die die Weltherrschaft im Programm haben, und viele andere.


Bei all diesen Gruppierungen, wie bei Saulus steckt der Mechanismus dahinter, dass das Gedankengefängnis einer religiösen und weltanschaulichen Konditionierung für die einzig wahre Realität gehalten wird, die mit fast allen Mitteln durchgesetzt werden muss. Wer sich nicht bekehrt, hat letztlich keine Existenzberechtigung, ist dem ewigen Strafgericht verfallen. Wir kennen solche Haltungen auch aus der Vergangenheit der katholischen Kirche.


Und bei uns selber: es ist immer wieder interessant, in uns selbst nachzuspüren, das eigene Leben zu reflektieren: wie frei sind wir selbst von Glaubenssätzen, die uns andere verurteilen lassen, weil sie nicht so leben, wie wir es für richtig halten. Wie sind wir selbst sind in Glaubensätzen, z.B. in Gesetzesdenken gefangen, wo wir uns selbst in unseren Entfaltungsmöglichkeiten, auch auf Gott hin, ausbremsen? Es ist für mich selbst immer wieder wichtig, das zu durchdenken und zu meditieren und hoffentlich zu merken, wenn ich in meinen eigenen Gedankengefängnissen sitze.
Andererseits brauchen wir auch Glaubensätze, die den Rahmen, in dem unser Leben laufen soll, Stabilität geben. Es eben für uns wichtig und hilft uns in unserer freien Entfaltung, wenn wir wissen: „Gott ist die Liebe!“ oder „Die Würde des Menschen ist unantastbar!“ oder „Ich bin Leben!“ oder „Ich gehöre zu Gott!“ usw. .  Wir sehnen uns alle nach der inneren Ordnung, nach dem Vertrauten in unserem Leben, in unserem Inneren, was uns Sicherheit, Halt und Stabilität gibt. Solche Glaubensätze, die wir in uns verankert haben, helfenuns dabei. Und natürlich sehnen wir uns nach einer inneren gut eingerichteten Wohnung, in der alles an seinem Platz hat. Doch ist der Moment fließend, wo das zu Erstarrung oder gar Fundamentalismus führen kann, wo der gut eingerichtete Raum von einer Wohnung zu  einem Gefängnis mutiert, das die freie Entwicklung einschränkt oder gar verhindert. Und das Schlimmste: man merkt es selbst zunächst nicht oder nur zögerlich, wenn überhaupt, weil man sich ja hundertprozentig sicher ist, dass die eigene Haltung hundertprozentig in Ordnung ist und deshalb immer weniger hinterfragt und angeschaut wird.


Damit man in eine solche Entwicklung  nicht hineinschlittert, besonders wenn man von seiner Anlage oder seinen Lebensumständen gefährdet ist, oder dass man wieder herauskommt, braucht es viel innere Aufmerksamkeit und eine trainierte Selbstwahrnehmung, braucht es immer wieder inneres Loslassen und Hinhalten auf Gott hin, braucht es die Bereitschaft das zuzulassen und das seine zu tun. Braucht es vielleicht Hilfe von anderen, die schon bewusster sind, sehen und helfen können.


Also: Saulus war so einer, der sich als Fundamentalist hundertprozentig auf der Seite des wahren Gottes gesehen hat und sich seiner eigenen inneren Gefängnissituation nicht bewusst war und viel Schaden angerichtet hat.


Und dann ganz unerwartet geschieht etwas Unbegreifliches:er verliert völlig die Orientierung, sieht nicht mehr, weil sich die Wahrnehmung in seinem Inneren völlig verändert. Christus zeigt sich dem Saulus von einem Moment auf den anderen in seiner Kraft, seinem Licht, seiner Unendlichkeit. Das ist so überwältigend, fast überfordernd, das Saulus nach Luft schnappt, vom Pferd fällt und völlig die Orientierung verliert, nichts mehr sieht.
Die Wände seiner inneren über viele Jahre eingerichteten und bisher begrenzten inneren Wohnung, scheinen mit Lichtgeschwindigkeit auseinander zu streben. Sein Innerstes wird gefühlt grenzenlos und er ist zunächst zutiefst verwirrt und schockiert. Es ist wie bei einer zuvor gut eingerichteten Wohnung, wo die Möbel und der Ort, wo sie stehen, gut und stimmig geplant wurden, wo jetzt nichts aber gar nichts mehr passt, wenn plötzlich die begrenzenden Wände nicht mehr da sind.  Dann geht alle bisherige Perspektive verloren. Und dann das unglaubliche innere Licht, das so intensiv ist, dass man nichts mehr sieht, innen und dann  auch außen, nicht einmal Konturen des bisherigen sind im Moment mehr sichtbar.


Es braucht eine geraume Zeit, das zu verarbeiten, sodass Paulus irgendwann einmal sagen kann: Jetzt lebe nicht mehr ich, sondern Christus lebt in mir. Dann wird er klar sehen, wird sehen, wer er wirklich ist, was seine Aufgabe für die Menschen ist, die ihm anvertraut wird. Ihm wird klar, dass er von Christus zu einer neuen, unbegrenzten Lebensweise geführt und verändert worden ist. Nur so konnte er sein Christuswissen in die ganze damals bekannte Welt bringen. Nur so konnte er uns durch seine Briefe z.B. sagen, dass wir zur Freiheit berufen sind, dass in uns Christus gegenwärtig ist. Nur so konnte er uns auf seine Weise bewusst machen, für welchen grandiosen Weg wir alle berufen sind und wie dieser Weg, die Entwicklung und das Ziel aussehen.


Das was bei Paulus an Wahrnehmung und Erkenntnis in einer Sekunde geschah, dafür haben wir in aller Regel einen ganzen Lebensweg und vielleicht darüber hinaus zur Verfügung: dass die Grenzen unserer inneren Wände immer weiter werden, dass wir dadurch immer bewusster werden, wer Christus in mir ist und wer deshalb ich bin: selbst unendliches Leben, aufgehoben in der ewigen Liebe mit der Würde des Christus …. nicht aus mir selbst heraus, sondern als Geschenk des ewigen und unendlichen Gottes. Nicht jetzt schon fertig, sondern geschenkt als Möglichkeit unendlicher Entwicklung und Entfaltung, die wir in Freiheit ergreifen und erarbeiten dürfen.

Er ergänzt, wo wir Unterstützung brauchen, aber er macht nicht unsere Arbeit für uns. Jeder von uns lebt in seiner individuellen Lebenssituation, die ganz konkret, direkt und dicht erfahren wird und die entsprechenden Herausforderungen, Auseinandersetzungen und Entwicklungsmöglichkeiten liefert … und wir Wege finden müssen/wollen/können, damit umzugehen, sie zu nutzen.
Wie kann der eigene Lebenswegdeshalb konkretauf gute Weise gehen? Ich denke, das wissen Sie für Ihr Leben: dranbleiben am Leben in und aus Gott, darum Ringen, achtsam sein oder werden auf jede Sekunde der Gegenwart hin, weil Christus immer in dieser Sekunde in mir gegenwärtig ist. Lernen, im Jetzt dieser Sekunde präsent zu sein. Die Gegenwart bewusst wahrnehmen und das tun, was jetzt gerade dran ist. In der Hingabe leben, d.h. das, was jetzt ist, annehmen, damit gestaltend umgehen, es gleichzeitig Gott hinhaltend immer wieder loslassen. Spürig und wahrnehmend mit dem eigenen Inneren umgehen, sich mit dem Wissen, dass Christus in meinem Innersten immer gegenwärtig ist, auf die Suche machen nach ihm … und sich dann von ihm finden lassen … und dann erkennen, dass wir eigentlich nie getrennt waren.

 

Predigt 2. Sonntag nach Weihnachten:  Johannesprolog (Joh 1, 1-5.9-14)

(4. Jan. 2015: Diakon Christian Karmann) 

 

Allen aber, die ihnen aufnahmen, gab er Macht, Kinder Gottes zu werden. Allen, die an seinen Namen glauben und die aus Gott geboren sind.


Wir alle glauben an Gott. Wir alle sind auf der Suche nach ihm. Sonst wären wir nicht hier und würden miteinander Gottesdienst feiern. Und jeder von uns spürt die Sehnsucht in sich, nach Liebe, nach Freiheit, nach Unendlichkeit. Natürlich spürt jeder von uns diese Sehnsucht in unterschiedlicher Ausprägung. Aber ich bin sicher, in jedem ist sie da. Und gerade in der Weihnachtszeit kommen wir besonders intensiv an die Gefühle heran, die mit dieser Sehnsucht zu tun haben. Und vielleicht schauen wir gerade in dieser Zeit besonders aufmerksam hin, ob und wie unsere Gefühle uns zeigen ob und wie wir uns mit Gott verbunden wissen, ihn wie auch immer wahrnehmen ... und deshalb intensiver die Beziehung zu ihm suchen und leben.

So ist Gott für mich in dem Maße in meinem Leben relevant, wie ich ihn in meinem Leben auch wahrnehme. Die Frage ist also immer wieder: Nehme ich Gott in meinem Leben wahr, wie nehme ich ihn wahr, konkret wahr. Habe ich als Mensch ein Wissen, ein Gespür, einen Geschmack von Gott in mir, oder glaube ich, dass ich deshalb glauben muss, weil ich von Gott eben nichts weiß und mitbekomme.

Und jetzt sagt der Evangelist die Voraussetzung dafür: alle die den Christus in sich aufnehmen, alle die an seinen Namen glauben, alle die aus Gott geboren sind, haben von Gott her die Macht, Kinder Gottes zu werden, haben also sozusagen den Christus-Keim in sich, der im Leben zur Entfaltung kommen soll, damit das eigene Leben letztlich unendlich wird.

 

Versuchen wir all diese Aussagen ein wenig aufzudröseln. Fangen wir vielleicht an mit dem Glauben an seinen Namen. Glauben kann bedeuten: feststehen in dem, was ich nicht sehen und anfassen kann. Glauben kann bedeuten: das, was ich nicht sehen und anfassen kann, suche ich ertastend zunächst in meinem Innersten, strecke mich danach hin aus und erlaube Gott, erlaube Christus, dass er mich erfassen darf, gebe ihm entschieden und bewusst Raum in mir.
Mit dem Namen ist das Wesen dessen gemeint, den man mit diesem Namen bezeichnet. Das Wesen Christi ist z.B. Liebe, Freiheit, Weite, Licht, Barmherzigkeit, Leben. Glaube ich es und strecke mich nach ihm aus, weil Christus die grenzenlose Liebe ist, die in allem und überall gegenwärtig ist, die sich als Kraft ganz schöpferisch im Menschen, in mir und überall zeigt? Glaube ich es und strecke mich nach ihm aus, weil mich die Freiheit Christi in mir und von allen Seiten umgibt? Glaube ich es und strecke mich nach ihm aus, weil der Gott des Himmels und der Erde mich als Weite umgibt? Glaube ich es und strecke mich nach ihm aus, weil sein Licht und seine Barmherzigkeit mein Innerstes hell machen möchten, mich in aller Freiheit für sich gewinnen möchten? Glaube ich es und strecke mich nach ihm aus, dass alles Leben aus Gott kommt und wieder in Gott hinein mündet und dabei niemals außerhalb von Gott bestehen kann, dass sich auch so ein Leben bin, das sich in Gott weiß?

Wenn ich als Mensch also aus Gott geboren bin, wie Johannes es sagt, dann bin ich als Mensch von der Anlage her genauso wie Gott, eben ganz der Vater: dann ist auch meine Grundanlage, mein Grundwesen als Mensch Liebe, Freiheit, Weite, Licht, Barmherzigkeit, Leben. Auch wenn es in mir noch nicht so ganz entfaltet ist, ändert es nichts daran, dass das zutiefst mein Wesen als Mensch ist.
Ich würde mich aber erst dann darüber wirklich freuen können, aus dieser Wirklichkeit leben können, wenn ich beginne, sie immer wieder neu und immer entschlossener in mir zu entdecken. Deshalb ist die Geburt aus Gott für uns Menschen niemals wirklich abgeschlossen. Sie ist eine Entdeckungsreise des Lebens, die unser ganzes Leben andauert. Mit diesem Wissen dürfen wir unser Leben als freie Individuen auf unsere Mitwelt, unsere Mitmenschen, auf Gott hin gestalten. Es ist wichtig für mich zu wissen,  dass ich aus Gott geboren bin!

Wenn ich als Mensch also von meinem Wesen her so bin, von meinem Wesen her also aus Gott geboren bin, dann bin ich der Mensch, bei und in dem Gott wohnt. Dann bin ich als Mensch Wohnraum für Gott, in dem er Platz finden soll, um sich darin zu entfalten: für mich selbst, für die Mitmenschen, für die Mitwelt. Und wenn der Mensch das zulässt, dass Gott das in ihm und durch ihn tut, dann hat dieser Mensch ihn aufgenommen, so wie Johannes das sagt, und er wird selbst immer mehr wie Christus. Das ist die größte und wichtigste Berufung des Menschen. Auf diese Weise gibt uns Gott die Möglichkeit die zu werden, die wir von unserer Anlage her vor ihm sind: Kinder Gottes.

 

Vielleicht werden Sie jetzt sagen: klingt wunderbar und Alles schön und gut. Aber in meinem Leben fühlt es sich ganz anders an. Nicht so hell und grandios, sondern eher dunkel oder trist oder langweilig oder einsam oder schmerzhaft oder schuldbeladen.
Es kann auch nicht darum gehen, das alles, wenn es nun mal da ist, zu verdrängen oder wegzudrücken, denn das alltägliche Leben ist wie es eben ist und will bewältigt werden. Und die Dinge, die mir bei mir überhaupt nicht gefallen und die ich am liebsten los haben möchte, kann ich auch nicht einfach abschneiden, denn sie gehören ja zu mir.

Wenn ich aber trotz allem beginne, aus der Vision meiner Zukunft, wer ich für Gott bin, meine Gegenwart zu gestalten, dann werde ich begreifen und erfahren lernen, dass das Licht Gottes in mir immer schon da ist und keine Sekunde weg war. Dann werde ich lernen, dieses Licht in den Dunkelheiten meines Lebens zuzulassen. Und meine Dunkelheiten werden es nicht erfassen und kaputt machen. Ganz im Gegenteil: die Dunkelheiten meines Lebens haben dann die Chance, vom Licht der Gegenwart Gottes in mir verwandelt zu werden. In dem Maße wie das geschieht, werde ich begreifen und erfahren, dass ich schon immer sein geliebtes Kind bin und meine Gegenwart und Zukunft ganz und gar in der Einheit und dem Leben mit ihm liegen.

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Predigt Fest der Hl. Familie

(28. Dez. 2014: Diakon Christian Karmann)

 


Das Kind in der Krippe -  hat Sie’s gefreut? Oder mehr genervt?

Weihnachten, das können ja auch Tage sein, die schwer auszuhalten sind. In manchen Familien knallts gerade bei solchen Gelegenheiten. Da ist dann von idyllischem Weihnachtsfrieden wenig zu spüren.
Werden Erinnerungen an konkrete Situationen in den vergangenen Tagen bei Ihnen wach? Oder vielleicht an entsprechende Situationen in früheren Jahren?

Wir feiern heute das Fest der „heiligen Familie“. Aber in unseren Familien geht’s in der Regel nicht gerade „heilig“ zu. Wie sollte es auch? Wenn Kinder dabei sind, eigene Lebensräume zu entdecken? Wenn sie versuchen, sich auszuprobieren, Grenzen zu überschreiten, um sie überhaupt erst richtig kennen zu lernen!

Wie kann es in einer Familie „heilig“ zugehen, wenn Menschen so verschiedener Typen, Arten Persönlichkeitsgestalten zusammen leben, wie wir sie in unseren Familien nun mal finden und die einen gemeinsamen Alltag leben und gestalten müssen! Und gerade den nächsten und vertrauten Menschen knallt man oft die eigenen Ungereimtheiten und Unbeherrschtheiten am heftigsten vor den Kopf. Warum? Es ist ein Zeichen von Vertrauen. Wenn Sie oder ich in eine Familie kommen - dann wird man sich in der Regel bemühen, freundlich und höflich zu sein. Erst, wenn ein Vertrautsein da ist, wagt man, sich die Dinge an den Kopf zu werfen, die auch weh tun.  Weil das Vertrauen da ist: der andere hält mich trotzdem aus und geht nicht weg.

 

Eine immerwährende „heilige Familie“ gibt’s nicht - in der Realität. Und das war bei Jesus auch nicht anders. Es gibt eine Reihe von Situationen in den Evangelien, die von Spannungen in der Heiligen Familie erzählen. Die Beziehung Jesu zu seiner Familie und zu seinen Verwandten war ambivalent und zum Teil äußerst spannungsreich.

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